Weniger Sitzen bessert Blutzuckerwerte

14.11.2016, Hürth-Efferen – Die amerikanische Diabetes Gesellschaft (American Diabetes Association - ADA) hat kürzlich ihre Empfehlungen zu körperlicher Aktivität und körperlichem Training für Diabetes-Patienten aktualisiert [1]. Die wesentliche Neuerung: Diabetiker sollen ihre sitzenden Phasen verkürzen und diese regelmäßig alle 30 Minuten durch leichte körperliche Aktivität unterbrechen. Bisher galt die Devise, alle 90 Minuten aktiv zu sein. Der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e. V. (DVGS) begrüßt anlässlich des heutigen Weltdiabetestags diese neue Empfehlung ausdrücklich. Studien haben hinlänglich belegt, dass schon leichte körperliche Aktivität und Bewegung zur Vorbeugung und Behandlung von Diabetes wirksam sind. Leider finden diese Ergebnisse in Deutschland in der Medizin kaum Beachtung. Das muss sich ändern, fordert der DVGS.

Bereits in den 1920er Jahren empfahl der Diabetesforscher Eliot Joslin körperliche Aktivität als wichtigsten Baustein des Diabetesmanagements [2]. In Deutschland fand er damit in der Medizin wenig Beachtung, was sich bis zum heutigen Tag wenig verändert hat. Trotz des Stellenwertes, die Bewegung für die Diabetesbehandlung hat, spielt sie in der deutschen diabetischen Versorgungslandschaft nur eine untergeordnete Rolle. „Es ist in hohem Maße verwunderlich, dass angesichts der ungeheuren Dynamik bei den Diabeteszahlen körperliche Aktivität als zentrales Element hierzulande noch immer eine marginale Rolle spielt. Zumal es eine klare Evidenz für den Nutzen von körperlicher Aktivität und körperlichem Training bei Diabetikern gibt. Umso begrüßenswerter sind die aktualisierten Empfehlungen der ADA“, sagt Professor Dr. Gerhard Huber, Mitglied im Vorstand des DVGS. Als ausgewiesener Experte vertritt er das Thema „Evidenz von Bewegung bei Diabetes mellitus“ für den DVGS in vielen Fachgremien, z.B. im Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA), dem Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) oder dem GKV-Spitzenverband.

Weniger Sitzen und mehr Unterbrechungen

Die amerikanischen Leitlinien sehen vor, dass Erwachsene, speziell aber Typ-2-Diabetiker, täglich weniger Zeit sitzend verbringen sollen. Längere Sitzperioden sollen alle 30 Minuten durch leichte Aktivität unterbrochen werden. „Hier reicht es schon, wenn 3-minütige Bewegungspausen eingelegt werden: Laufen, die Arme strecken oder leichte Bewegungsübungen bewirken, dass bei Personen mit Typ 2 Diabetes die Blutzuckersituation verbessert wird“, sagt Huber. Darüber hinaus wird Typ-2-Diabetikern zusätzlich ein strukturiertes körperliches Training, in Form von Ausdauer- und Krafttraining sowie zusätzliche Bewegung empfohlen. Das Ziel sollten 150 Minuten körperlicher Aktivität mit moderater bis hoher Intensität verteilt auf mindestens drei Tage pro Woche sein.

Schlechte Ausgangsbedingungen – hoher Nutzen

Das Entscheidende ist aber ein Phänomen, das in der medizinischen Forschung als „Law of Intial Value“ bezeichnet wird und leider in der Versorgung von Diabetikern zu selten Beachtung findet (vgl. [3]). Grundsätzlich profitieren alle Diabetiker von Bewegung. Doch je kränker sie sind, umso höher ist der Effekt. „Die Forschung hat gezeigt, dass insbesondere diejenigen Diabetiker, die die schlechtesten Ausgangsbedingungen haben, am meisten von den Interventionen profitieren“, erläutert Huber. Interessanterweise spielt der Trainingsumfang hier nicht die entscheidende Rolle, sondern der Trainingbeginn. Bewegungsbezogene Interventionen für Diabetespatienten sind gleich zu Beginn wirksam und schon geringe Mengen körperlicher Aktivität sind ausreichend, um nachweisbare Effekte zu erzielen [4]. „Ein Diabetiker muss also nicht stundenlang trainieren, es ist schon ein wichtiger Schritt, wenn er beginnt, sich überhaupt mehr zu bewegen und dies dann konsequent beibehält“, so Huber.

Diabetes-Epidemie durch Bewegung eindämmen

„Diabetes ist eine Volkskrankheit“, „Rund 7,2 % der Erwachsenen in Deutschland zwischen 18 und 79 Jahren leiden darunter [5]. Das sind insgesamt mehr als 7 Millionen Menschen, die wegen Diabetes in ärztlicher Behandlung sind. Mit steigender Tendenz, denn die Zahl der betroffenen Menschen in Deutschland erhöht sich jährlich um 300 000. Angesichts des demographischen Wandels muss mit weiteren Zuwachsraten gerechnet werden, denn in der Altersgruppe der 70–79-Jährigen liegt die Prävalenz bei 22 % [6]. „Der DVGS fordert seit vielen Jahren, dass die Erkenntnisse zur körperlichen Aktivität in Deutschland im Rahmen der Diabetestherapie und -prävention noch viel stärker genutzt werden, um diese Diabetes-Epidemie einzudämmen“, zieht Huber das Fazit. „Unverständlich bleibt, weshalb Politiker und Mediziner die wissenschaftlichen Belege, dass Diabetiker ihrem Diabetes quasi 'davonlaufen' können, mit hartnäckiger Konsequenz ignorieren.“

REFERENZEN:

  1. Colberg SR, et al: Physical Activity/Exercise and Diabetes: A Position Statement of the American Diabetes Association. Diabetes Care 2016 Nov; 39(11): 2065-2079. http://dx.doi.org/10.2337/dc16-1728 http://care.diabetesjournals.org/content/39/11/2065
  2. Joslin E. A History of Elliott P. Joslin, M.D., Founder, Joslin Diabetes Center. In; 2016
  3. DVGS Blog: Bewegungsbezogene Interventionen bei Diabetes “gleich am Anfang wirksam und extrem lohnend”*, abgerufen am 11.11.2016 unter http://www.dvgs.de/blog/item/67-bewegungsbezogene-interventionen-bei-diabetes-%E2%80%9Egleich-am-anfang-wirksam-und-extrem-lohnend%E2%80%9C.html
  4. Kyu HH, Bachman VF, Alexander LT, et al. Physical activity and risk of breast cancer, colon cancer, diabetes, ischemic heart disease, and ischemic stroke events: systematic review and dose-response meta-analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. bmj 2016;354:i3857
  5. Kurth B-M. Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2012;55:980-990
  6. Scheidt-Nave C, Kamtsiuris P, Gößwald A, et al. German health interview and examination survey for adults (DEGS)-design, objectives and implementation of the first data collection wave. BMC Public health 2012;12:1