Unser Lebensstil und Krebserkrankungen

Mit etwa 480 000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland [1] und nach aktuellen Schätzungen 220 000 Sterbefällen [2] stellen Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in westlichen Ländern, wie den USA [3] und Deutschland [4] dar. Dennoch zeigen gerade die epidemiologisch bedeutsamsten Entitäten wie Brust-, Darm-, und Prostatakrebs deutlich höhere Inzidenzraten als noch vor etwa vierzig Jahren, bei einer stagnierenden oder rückläufigen Mortalität [5]. Wo eine Reduktion der Mortalität erreicht wurde (wie z. B. bei Darmkrebs), kann dies als großer therapeutischer Erfolg gewertet werden. Was bleibt ist die immer noch hohe Anzahl an Neuerkrankungen. Ein Werkzeug der hohen Inzidenz zu begegnen ist die Veränderung spezifischer Lebensstilfaktoren hin zu einem verbesserten Gesundheitsverhalten. So schätzten beispielsweise Friedenreich und Kollegen [6], dass ca. 1/5 der bösartigen Neubildungen durch ein ausreichendes Maß an körperlicher Aktivität zu verhindern sind. Wie stark ein umfassend gesunder Lebensstil das Erkrankungs- sowie Versterberisiko senken kann, ist bislang jedoch noch nicht en Detail geklärt. In einer kürzlich von Song und Giovannucci [7] veröffentlichten Studie wurde eben dieser Lücke auf den Grund gegangen.

Design

Die vorliegende Studienpopulation setzt sich aus zwei großen amerikanischen Kohorten zusammen aus den Studien „Nurses Health Study (NHS)“ und „Health Professionals Follow Up Study (HPFS)“. Im Rahmen Ersterer liegen die Daten von 121 700 Krankenschwestern vor, welche während des Jahres 1976 in die Studie eingeschlossen wurden. Die HPFS begann 1986 mit insgesamt 51 529 im Gesundheitssektor angestellten Männern. Beide Kohorten verfügen über ein ähnliches Design und wurden in regelmäßigen Abständen von 2-4 Jahren hinsichtlich verschiedener gesundheitsbezogener Verhaltensweisen befragt. Hierzu gehören:

  • Bewegungsverhalten
  • Ernährungsverhalten
  • Rauchverhalten

Die Rücklaufquote der Fragebögen über den Gesamtzeitraum kann mit im Durchschnitt über 95% als extrem hoch angesehen werden.
Aus den beiden Kohorten wurden je zwei Gruppen gebildet, eine Niedrig- sowie eine Hoch-Risiko-Gruppe. Die Charakteristika der ersten Gruppe waren:

  • Nicht- bzw. Exraucher
  • Kein bis moderater Alkoholkonsum1
  • Body-Mass-Index zwischen 18,5 und 27,5
  • wöchentlicher Bewegungsumfang von 150 min moderater respektive 75 min intensiver körperlicher Aktivität (7,5 MET-h/w)

Erreicht wurden diese Kriterien von insgesamt 28 000 Probanden (NHS n= 16 531, HPFS n= 11 731). Die verbliebenen Teilnehmer (NHS= 73 040; HPFS= 34 608) mit vollständiger Fragebogenhistorie bildeten die Vergleichsgruppe mit vermeintlich erhöhtem Risiko. Neben diesen beiden Gruppen wurden die bevölkerungsrepräsentativen Daten des National Cancer Institutes herangezogen, um die gefundenen Effekte mit der Normalbevölkerung vergleichen zu können.
Als Outcomes wurden die allgemeine wie auch entitätsspezifische Krebsinzidenz und -mortalität gewählt. Ausgeschlossen wurden hierbei jene Krebserkrankungen mit hohem Umwelteinfluss, wie UV-Strahlung, so z.B. Hirntumoren, Hautkrebs und Entitäten des blutbildenden Systems. Für die entitätsspezifische Subgruppenanalyse wurden jene Erkrankungen eingeschlossen, im Rahmen derer es in der Low-Risk-Gruppe zu mindestens 10 Fällen kam.
Zur Quantifizierung der Risiken wurden die so genannten attributablen Risiken (AR%) berechnet2, wobei die Daten immer zugunsten der Niedrig-Risiko-Gruppe dargestellt wurden.

Ergebnisse

Die AR% für die entitätsübergreifende Inzidenz liegt bei Frauen bei 25%, bei Männern bei 33% gegenüber der Hoch-Risiko-Gruppe. Betrachtet man die Mortalität, liegt der Nutzen eines gesunden Lebensstils mit einem AR% von 48% bzw. 44% sogar noch etwas höher. Der Vergleich zur repräsentativen US-Amerikanischen Kohorte, zeigt, dass durch einen adäquaten Lebensstil 41% (Frauen) bzw. 63% (Männer) der Neuerkrankungen und 59% bzw. 67% der Todesfälle durch Krebs hätten verhindert werden können.
Erwartungskonform zeigen die Lebensstilfaktoren auch einen, wenn auch heterogenen, über alle Entitäten positiven Effekt. So besitzen die Frauen bzw. Männer der Hoch-Risiko-Gruppe ein AR% von 82% bzw. 78% an Lungenkrebs zu erkranken und ein AR% von 90%, daran zu versterben. Auch im Fall des Kolorektalkarzinoms oder des Pankreaskarzinoms sind mit AR% von 20 bis 30% deutliche Unterschiede in den Risiken der beiden Studiensubgruppen zu beobachten. Den Vergleich auf die repräsentativer Stichprobe zu erweitern, führt sogar zu noch zu drastischeren Ergebnissen, entsprechend derer 85% bzw. 90% der Lungenkrebsfälle, 60% der Kolorektal- und Pankreaskarzinome, 49% bzw. 62% der Blasenkarzinome, sowie 45% der Brustkrebsfälle hätten verhindert werden können. Auch was die Mortalität angeht könnten, über alle Entitäten hinweg, etwa die Hälfte der Todesfälle verhindert werden. Im Fall des Lungenkarzinoms und seiner starken Assoziation mit dem Rauchverhalten sogar um die 90%3.

Fazit

Die Daten demonstrieren welch bedeutende Wirkung ein gesunder Lebensstil mit ausreichend körperlicher Aktivität, einem angemessenen Umgang mit Genussmitteln (Nichtrauchen und kein bis moderater Alkoholkonsum) sowie Normalgewicht auf die Krebsinzidenz bzw. -mortalität besitzt. Natürlich muss hierbei berücksichtigt werden, dass die Daten lediglich korrelativer Natur sind und somit nicht unmittelbar kausal interpretiert werden dürfen. Insbesondere dahingehend, dass gegebene Moderator- und Mediatorvariablen nicht bekannt sind. Schließlich handelt es sich bei den gegebenen Kohorten um sehr selektive Populationen, denen möglicherweise viele gesundheitsförderliche Aspekte inhärent sind, welche in der Normalbevölkerung weniger anzutreffen sind. In den USA verfügen im Gesundheitssystem beschäftigte Personen (wie denjenigen, die an den genannten Studien teilnahmen) über eine deutlich bessere Anbindung an selbiges. Dementsprechend könnte gerade im Fall der Mortalität auch ein früherer Behandlungsbeginn, in Kombination mit einer besseren Versorgung, einen Teil der Ergebnisse erklären, zumindest im Vergleich zur repräsentativen Kohorte. Auf den Vergleich der Kohorten-Populationen mit sich selbst dürften sich derartige Verzerrungen jedoch nicht auswirken.
Methodisch ist an der vorliegenden Arbeit zu bemängeln, dass hierbei nicht auf multivariate Verfahren zurückgegriffen wurde mit Hilfe derer die Bedeutung der einzelnen Lebensstilfaktoren hätte bemessen werden können.
Für die Förderung körperlicher Aktivität bleibt demnach weiterhin die Frage offen, in welcher Dosis und in welchen Umfang die besten Gesundheitseffekte zu erzielen sind. Klar ist jedoch, dass sie zu einem gesunden Lebensstil dazugehört und in Kombination mit anderen Lebensstilfaktoren ein gewaltiges präventives Potential besitzt.

Literatur
[1] Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschlande. V. Atlas der Krebsinzidenz und –mortalität in Deutschland (GEKID‐Atlas). Datenlieferung: Dezember 2014, Lübeck, 2015. Verfügbarüber: http://www.gekid.de
[2] Haberland, J., Wolf, U., Barnes, B., Bertz, J., Dahm, S., Laudi, A., & Kraywinkel, K. (2012). Kurzfristige Prognosen der Krebsmortalität in Deutschland bis 2015. UMID - Umwelt und Mensch – Informationsdienst 2012; 3; 16-23
[3] Siegel RL, Miller KD, Jemal A. Cancer statistics, 2016. CA: a cancer journal for clinicians 2016;66:7-30
[4] Katalinic A, Pritzkuleit R. Krebsregistrierung in Deutschland. Public Health Forum; 2016:127-130
[5] Haberland J, Wolf U. Trendanalysen zur Inzidenz und Mortalität an Krebs in Deutschland seit 1970. GMS Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie 11 2015; 1; 1-10
[6] Friedenreich CM, Neilson HK, Lynch BM. State of the epidemiological evidence on physical activity and cancer prevention. European journal of cancer 2010;46:2593-2604
[7] Song M, Giovannucci E. Preventable Incidence and Mortality of Carcinoma Associated With Lifestyle Factors Among White Adults in the United States. JAMA oncology 2016; in press.


1 Wobei unter „moderat“ 1 Drink/Tag für Frauen und 2 Drinks für Männer verstanden werden (1 Drink sind ca. 333ml Bier oder 200ml Wein).

2 Hierzu wurde die Differenz der Erkrankungs-  bzw. Sterberaten der jeweiligen Populationen berechnet und durch die Rate der High-Risk-Gruppe geteilt. Somit kann das AR% als jener Anteil an Fällen betrachtet werden, welcher bei einhalten der Low-Risk-Bedingungen nicht eingetreten wäre [(InzidenzHigh-Risk – InzidenzLow-Risk)/ InzidenzHigh-Risk].

3 Wobei die extrem niedrigere Versterberate hier auch auf die deutlich reduzierte Inzidenz zurückzuführen ist, welche im AR% berücksichtigt wird.

Maximilian Köppel
Wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Gerhard Huber im Arbeitsbereich „Prävention und Rehabilitation“ am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg

Wissenschaftliche Hilfskraft bei Dr. Joachim Wiskemann im Arbeitsbereich „Onkologische Sport- und Bewegungstherapie“ am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg

Wissenschaftliche Interessen

  • Trainingssteuerung
  • Wirkmechanismen körperlicher Aktivität
  • Rehabilitation
  • Biomechanik
  • Wissenschaftliche Methoden und Statistik

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Gelesen 5298 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 14 Juli 2016 07:57

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