logo dgspDie Bewegung ist im deutschen Gesundheitswesen als präventive Maßnahme die am meisten unterschätzte Komponente, wie sich an der Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung deutlich zeigt. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu? Warum wird Sport und Bewegung in der Prävention noch so wenig eingesetzt?
Mit Bewegung oder körperlicher Aktivität hat man ein Mittel, das hervorragend auf zahlreiche Krankheitsbilder vorbeugend und therapeutisch wirkt, das zudem billig ist und überall ohne größere Probleme eingesetzt werden kann. Viele häufige Krankheitsbilder entstehen durch Bewegungsmangel. Diese positive präventive Wirkung von Bewegung auf die unterschiedlichsten Krankheitsbilder ist durch zahlreiche „peer-review“ , also wissenschaftliche Studien mit hohem Evidenzniveau eindeutig belegt und auch den medizinischen Fachgesellschaften bekannt.

Es stellt sich also die Frage, warum sich Bewegung als präventive Maßnahme noch nicht ausreichend durchgesetzt hat? Das Problem ist eher struktureller Natur, was dazu führt, dass das Wissen über die Wirkung von Bewegung und Sport eher marginal ist und nach dem Motto „was ich nicht kenne, setze ich nicht ein“ zu selten von Medizinern als therapeutische Maßnahme angewandt wird. Das Fach Sport- und Bewegungsmedizin hat trotz dieser eindeutigen Wirkevidenz eher eine randständige Bedeutung im Studium. Bis heute ist Sport- und Bewegungsmedizin als ein nur sehr gering und auch freiwillig als Teil eines Querschnittsbereichs in der Medizinerausbildung verankert. Wir sprechen da von wenigen Stunden im ganzen Studiengang. Damit ist eine Vermittlung eines detaillierten Fachwissens für die künftigen Mediziner nicht möglich. Ein weiteres Problem ist, dass die Sportmedizin keine eigene Facharztanerkennung besitzt, sondern lediglich als Zusatzbezeichnung geführt wird. Da die Medizinerausbildung aber auf die Facharztausbildung ausgerichtet ist, - nur unter der Voraussetzung des Erwerbs eines Facharztes kann man sich als Kassenarzt niederlassen - ist die Sportmedizin für viele eine Einbahnstraße.

Zudem kommt hinzu, dass die Krankenkassen Bewegung und Bewegungstherapie auch noch nicht regelhaft in ihren Leistungskatalogen verankert haben. Damit ist die Bewegungstherapie nicht als klinisch bedeutsame therapeutische Maßnahme festgelegt, wird nicht bzw. nur marginal pekunär honoriert und damit auch zu selten durch die Ärzte eingesetzt.

Was können Sportmedizin und Sportwissenschaft tun, um diesen Manko zu beseitigen?

Ein eindeutiges, sich ergänzendes Konzept, Bewegung unter Berücksichtigung von Forschungsergebnissen auch in der Anwendung umzusetzen – das ist die angestrebte Zielsetzung! Beide Fachdisziplinen propagieren aus teilweise unterschiedlichen Sichtwinkeln die Forschung sowie die Anwendung von Bewegung auf unterschiedlichen Gebieten und setzen damit auch Maßstäbe, wie man Bewegung und körperliche Aktivität auf dem Gebiet der Prävention, Rehabilitation und Therapie einsetzen könnte und sollte. Die DGSP und der dvs sind zwei entscheidende wissenschaftliche Leitinstitutionen, die sich durch ihre fachliche Nähe und das gemeinsame Leitmotiv „Bewegung“ trefflich ergänzen. Gerade durch eine interdisziplänere Zusammenarbeit von Sportwissenschaft und Sportmedizin würde sich die Schlagkraft deutlich erhöhen und könnte dann in das Bewusstsein der politischen Gremien, anderer medizinischer Fachgesellschaften wie auch der Bundes- und Landesärztekammer, aber auch der Krankenkassen gelangen. Hier geht es darum, durch Kampagnen bekannt und in Ausbildungs- und Weiterbildungsordnungen für Ärzte verankert zu werden. Die Ärzte wiederum brauchen die Sportwissenschaft zur praktischen Umsetzung.

Das Symposium der Sportwissenschaft auf dem DGSP-Kongress im Herbst in Frankfurt wird den Austausch zwischen den beiden Gruppen weiter befördern. Was denken Sie, könnten weitere Aktivitäten sein, die eine engere Verzahnung beider Disziplinen weiter befördern?
Das Symposium der Sportwissenschaft auf unserem DGSP – Kongress ist zweifelsfrei ein Schritt in die richtige Richtung. Ein weiterer entscheidender und wichtiger Schritt ist darüber hinaus die Initialisierung einer weltweiten Kampagne, die einen hohen Bekanntheits- und Wiedererkennungsgrad besitzt. Dies ist mit der vom American College of Sportse Medicine gestarteten Initiative Exercise is Medicine gelungen, in der Bewegung als medizinische Maßnahme vermehrt zur Prophylaxe und Therapie von Erkrankungen eingesetzt wird. Der DGSP wurde dabei die Rolle zugeschrieben, das europäische Zentrum von Exercise is Medicine in Deutschland aufzubauen. Mit dieser weltumspannenden Initiative Excercise is Medicine werden wichtige medizinische Fachverbände sowie weitere Gesellschaften ins Boot geholt, die etwas mit Bewegung und körperliche Aktivität auf ihre Fahne geschrieben haben, Dadurch wird tatsächlich eine große Chance geboten, Bewegung massiv zu propagieren, wodurch wegen der gemeinsamen Zielsetzung und Zusammenarbeit auch die Verzahnung von Sportwissenschaft und Sportmedizin weiter befördert würde Wäre es nicht auch sinnvoll bei Sitzungen von Gremien gegenseitig Vertreter einzuladen, um den regelmäßigen Austausch zu unterstützen?
Mit unserer Vertretung in wichtigen Gremien wie im DOSB und der Zusammenarbeit mit der dvs sind wir auf einem guten Wege. Generell gilt, es ist alles sinnvoll, was das gegenseitige Verständnis fördert und was uns enger zusammenschweißt. Man sieht ja, dass Kampagnen – um die Schlagkraft und die Umsetzungsmöglichkeit zu erhöhen- gemeinschaftlich von den Bewegungsanbietern getragen werden sollten. In diesem Kontext macht es natürlich Sinn, dass sich die Vertreter regelmäßig treffen und miteinander austauschen. Missverständnisse entstehen ja fast immer durch mangelnde Kommunikation. Früher gab es zwischen Sportwissenschaft und Sportmedizin sicherlich eine gewisse Konkurrenzsituation. Ich bin aber der Meinung, dass wir uns diese Konkurrenzsituation gar nicht leisten können. Wir haben hier die gute Chance, uns fachlich zu ergänzen, weil die beiden Fachgebiete auch durchaus andere Felder bearbeiten und sich durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit gegenseitig befördern könnten. Ich denke auch, dass es von den meisten Vertretern eher gewollt ist, dass man sich zusammentut, die Schlagkraft damit erhöht, sich gegenseitig interdisziplinär befruchtet und damit auch eine bessere und zielgerichtetere Einwirkung auf politischen Gremien hat, wodurch die Umsetzungswahrscheinlichkeit von Kampagnen etc. deutlich erhöht wird.