Es ist so einfach: Nahrungsergänzungsmittel und Pillen statt Bewegung…

Schön wäre das, denkt sich Mancher. Erst jüngst habe ich einen Artikel gelesen, in dem in Bezug auf Diabetes mellitus die „Ersatzpille für Sport“ zu den „Zukunftsvisionen“ gezählt wurde (dvgs.de berichtete).
Pillen und/oder Nahrungsergänzungsmittel, so der Wunsch, sollten möglichst gesundheitliche Effekte auslösen, die ansonsten durch Bewegung herbeigeführt werden. Dann könnten wir uns die ganze schweißtreibende Aktivität sparen und müssten „nur“ eine Pille nehmen.

Calcium Supplemente schützen nicht vor Knochenbrüchen und erhöhen auch nicht die Knochendichte

Doch Medikamente und Supplemente haben Grenzen. Zum Beispiel sind im British Medical Journal (BMJ) jüngst zwei Metaanalysen erschienen, die zeigen, dass die zusätzliche Einnahme von Calcium bei Menschen über 50 nicht vor Knochenbrüchen schützt und auch die Knochendichte nicht im klinisch relevanten Ausmaß erhöht [1,2]. Einiges an diesen Erkenntnissen ist nicht neu. Prof. Andreas Roth von der Universitätsklinik Leipzig erläutert bei Medscape Deutschland, dass es aktuelle Osteoporose-Leitlinien gibt, welche bereits die inkonsistente Evidenz zur Calciumzufuhr beschreiben [3]. Bereits Ende der 80er Jahre (!) erläuterten Forscher im BMJ, dass die wissenschaftliche Evidenz den Einsatz von Calcium-Supplementen zur Prophylaxe von Frakturen nicht rechtfertigt [4,5]. Außerdem kann die zusätzliche Einnahme von Calcium zu Nebenwirkungen wie kardiovaskulären Ereignissen und Nierensteinen führen (zusammenfassend [1]).

Und Bewegung?

Es ist Zeit auf ein anderes Pferd zu setzen! Die Ergebnisse von Bewegung und körperlichem Training im Hinblick auf die Vorbeugung von Brüchen und die Steigerung der Knochendichte bei Älteren sind erfolgsversprechender (u.a. [6,7,8]). Metaanalysen zeigen z. B. Effekte von körperlichem Training hinsichtlich einer Reduktion von Brüchen im Allgemeinen und von Wirbelbrüchen im Speziellen [7], sowie Effekte von Krafttraining auf die Knochendichte an Oberschenkelhals und Lendenwirbelsäule [8]. Bei Medscape heißt es im Vergleich zur Calcium-Supplementierung: „Viel wichtiger [ist] die regelmäßige körperliche Aktivität mit Fokus auf Kraft und Koordination (…)“ [3].
Aber auch körperliche Aktivität hat Nebenwirkungen. Muskelkraft und Gleichgewicht werden ebenso verbessert wie die Lebensqualität [9]. Stürze [10] und wahrscheinlich auch die Angst vor Stürzen [11] werden verringert. All die weiteren positiven Nebenwirkungen auf das gesamte Spektrum der menschlichen Gesundheit würden den Rahmen dieses Beitrags (und ganzer Archive) sprengen und können an anderer Stelle nachgelesen werden (u.a. [12,13,14,15]).

„Take non-drug interventions as seriously as pharmceuticals“

Zurück zu Bewegung zur Vorbeugung von Brüchen und der Steigerung der Knochendichte. Was bleibt, ist ein entscheidendes Problem: die Studienqualität lässt oft zu wünschen übrig. Zhao und Kollegen schreiben z. B. in Ihrer Übersichtsarbeit, dass sie durch die niedrige Qualität einiger Untersuchungen daran erinnert werden, dass Studien mit gutem Design und großer Stichprobe noch ausstehen [8]. Kemmler et al. führen an, dass „die meisten, wenn nicht alle“ ihrer eingeschlossenen Trainingsstudien mit zu geringer statistischer Power ausgestattet sind [7].
Für große, qualitativ hochwertige Studien, die über einen längeren Zeitraum laufen und an mehreren Standorten (evtl. international) stattfinden, braucht es vor allem eines: finanzielle Mittel! Leider ist es so, dass für die Erforschung von Bewegungsinterventionen häufig wenig Geld zur Verfügung steht [16]. Es ist höchste Zeit, dass sich dies ändert. Nicht weiter Calcium-Supplemente untersuchen, sondern Geld für Bewegungsforschung in die Hand nehmen, möchte man rufen!
„Take non-drug interventions as seriously as pharmceuticals“ hat der bekannte Verfechter der evidenzbasierten Medizin (EBM), Prof. Paul Glasziou, in diesem Jahr als Zukunftsaufgabe der EBM ausgelobt [17]. Man kann nur hoffen, dass der Mann Gehör findet. Was muss noch passieren, wenn schon im „The Pharmaceutical Journal“ die Rede davon ist, dass man „12 oder 13 verschiedene Medikamente“ bräuchte um die Effekte von Bewegung nachzuahmen [18]?
Das liefert auch die Antwort auf die „Ersatzpille für Sport“: Viel Spaß mit 12 bis 13 Pillen. Lieber in Bewegung kommen… und in den Genuss der positiven Nebenwirkungen!

1. Bolland MJ, Leung W, Tai V, Bastin S, Gamble GD, Grey A, Reid IR (2015). Calcium intake and risk of fracture: systematic review. BMJ;351:h4580.
2. Tai V, Leung W, Grey A, Reid IR, Bolland MJ (2015). Calcium intake and bone mineral density: systematic review and meta-analysis. BMJ; 351:h4183.
3. Wille A (2015). Osteoporose: Calcium-Supplemente erhöhen weder die Knochendichte noch schützen sie vor Frakturen. Medscape Deutschland, online verfügbar (nach Anmeldung) unter: http://www.medscapemedizin.de/artikelansicht/4904180?nlid=89504_3122
4. Kanis JA, Passmore R (1989). Calcium supplementation of the diet –II. BMJ; 298:205-8.
5. Michaëlsson K (2015). Calcium supplements do not prevent fractures. BMJ;351:h4825.
6. Howe TE et al. (2011). Exercise for preventing and treating osteoporosis in postmenopausal women. Cochrane Database Syst Rev, Issue 7. Art. No.: CD000333. doi: 10.1002/14651858.CD000333.pub2.
7. Kemmler W, Häberle L, von Stengel S (2013). Effects of exercise on fracture reduction in older adults. A systematic review and meta-analysis. Osteoporosis International, 24: 1937-1950.
8. Zhao R, Zhao M, Xu Z (2015). The effects of differing resistance training modes on the preservation of bone mineral density in postmenopausal women: a meta-analysis. Osteoporosis International, 26: 1605-1618.
9. Milte R, Crotty M (2014). Musculoskeletal health, frailty and functional decline. Best Practice & Research Clinical Rheumatology, 28, 395-410.
10. Gillespie LD, Robertson MC, Gillespie WJ, Sherrington C, Gates S, Clemson LM, Lamb SE (2012). Interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database Syst Rev, Issue 9. Art. No.: CD007146. doi: 10.1002/14651858.CD007146.pub3.
11. Kendrick D, Kumar A, Carpenter H, Zijlstra GAR, Skelton DA, Cook JR, Stevens Z et al. (2014). Exercise for reducing fear of falling in older people living in the community. Cochrane Database Syst Rev, Issue 11. Art.No.: CD009848. doi: 10.1002/14651858.CD009848.pub2.
12. Booth FW, Roberts CK, Laye MJ (2012). Lack of exercise is a major cause of chronic diseases. Compr Physiol, 2, 1143-1211.
13. Brehm W, Bös K, Graf C, Hartmann H, Pahmeier I, Pfeifer K, Rütten A et al. (2013). Sport als Mittel in Prävention, Rehabilitation und Gesundheitsförderung. Eine Expertise. Bundesgesundheitsbl, 56, 1385-1389. Online verfügbar unter: http://www.sport.uni-bayreuth.de/spo_wiss_II/de/download/Brehm-et-al-2013_Bundesgesundheitsblatt.pdf
14. Löllgen H (2013). Bedeutung und Evidenz der körperlichen Aktivität zur Prävention und Therapie von Erkrankungen. Dtsch Med Wochenschr, 138, 2253-2259. Online verfügbar unter: http://www.dgsp.de/_downloads/allgemein/RfB-DMW-Loellgen2013-ub-323.pdf
15. Loprinzi PD (2015). Physical activity is the best buy in medicine, but perhaps for less obvious reasons. Preventive Medicine, 75, 23-24.
16. Naci H, Ioannidis JPA (2013). Comparative effectiveness of exercise and drug interventions on mortality outcomes: metaepidemiological study. BMJ, 347:f5577.
17. Glasziou P (2015). Six proposals for EBM’s future. BMJ Clinical evidence blog. Online verfügbar unter: http://blogs.bmj.com/bmj/2015/03/27/paul-glasziou-six-proposals-for-evidence-based-medicines-future/ (Abgerufen am 10.11.2015).
18. Dolgin E (2015). Tracking down the optimum dose of exercise. The Pharmaceutical Journal. Online verfügbar: http://www.pharmaceutical-journal.com/news-and-analysis/features/tracking-down-the-optimum-dose-of-exercise/20068939.article

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Gelesen 8240 mal Letzte Änderung am Montag, 25 Januar 2016 15:38

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