Dicke Teenies sterben früher

Hintergrund

uebergewichtIn den letzten Jahrzehnten hat die Übergewichts- und Adipositasprävalenz von Kindern und Jugendlichen derart zugenommen, dass in einigen westlichen Ländern inzwischen über 1/3 der Heranwachsenden davon betroffen sind [2]. Wie dies gesundheitlich zu bewerten ist, bzw. wie die kardiovaskuläre Sterblichkeit mit einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI) im Jugendalter korreliert ist, haben Twig und Kollegen [3] in einem kürzlich im New England Journal of Medicine erschienenen Artikel dargelegt. Hierzu haben die Forscher den BMI von 2,3 Millionen israelischer Jugendlicher berechnet, die in den Jahren zwischen 1967 und 2010 mit einem Alter von 17 bis 19 Jahren für das Militär gemustert wurden. Anschließend wurden die bis 2011 in dieser Population aufgetretenen Todesfälle registriert und mit dem BMI in Relations gesetzt. Als Kontrollvariablen wurden zusätzlich das Geschlecht, der Bildungsstand, der soizioökonomische Status und das Herkunftsland der Personen berücksichtigt.

Der BMI wurde dabei in sieben Perzentile eingeteilt:

  • < 5. Perzentil
  • 5. bis 24. Perzentil (Referenzgruppe)
  • 24. bis 49. Perzentil
  • 50. bis 84. Perzentil
  • 85. bis 94. Perzentil (Übergewicht)
  • ≥ 95. Perzentil (Adipositas).

Statistik

Ausgewertet wurden die Daten mit Hilfe einer Kaplan-Meier-Überlebenskurve sowie Cox-Hazard-Ratios ausgewertet. Hierbei standen einerseits die Gesamtsterblichkeit, wie auch die konkrete ICD-Klassifizierten kardiovaskulären Todesursachen im Fokus. Diese Erkankungen sind:

  • Koronare Herzerkrankung (KHK)
  • Schlaganfall
  • Plötzlicher Herztod

Ergebnisse

Insgesamt wurden 42 Millionen Personenjahre analysiert, während denen es zu 31 000 Todesfällen kam. Von diesen sind 2918 (9%) auf eine kardiovaskuläre Ursache zurückzuführen. Spezifisch handelt es sich hierbei um 1497 Fälle koronarer Herzerkrankung, 528 Fälle Schlaganfall und 893 Fälle plötzlichen Herztodes. Der sehr niedrige Anteil der kardiovaskulären Erkrankungen an den Todesfällen muss an dieser Stelle auf das relativ niedrige Alter der Probanden von maximal 63 Jahren (1967 mit 19 gemustert) zurückgeführt werden. So lag beispielsweise das mittlere Versterbealter für KHK bei lediglich 47 Jahren, das für plötzlichen Herztod sogar nur bei 41 Jahren.

Die Kaplan-Meier-Überlebenskurve zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Perzentilen, wobei das <5. und das 5-24. Perzentil deckungsgleich die niedrigste kummulative Mortalität aufweisen. Mit größer werdendem Perzentil nimmt auch die Mortalität überproportional zu, jedoch zeigt sich erst ab dem 50.-74. Perzentil ein deutlicher Unterschied zu den vorangegangenen Perzentilen. Dieser Trend stimmt für alle kardiovaskulären Erkrankungen qualitativ überein, wobei die Kurve im Fall der KHK den steilsten Anstieg erfährt, also die größte Versterbewahrscheinlichkeit durch einen erhöhten BMI in Teenageralter besitzt (Abb.1).
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Abb. 1 Entwicklung der Versterbewahrscheinlichkeit mit zunehmendem BMI-Perzentil. Referenz ist das 5.-24. Perzentil (Nach [3])

Konkret zeigten die adipösen Jugendlichen ein beinahe fünffach erhöhtes Risiko an einer KHK zu sterben und eine etwa 3,5-fache Mortalität über den gesamten Kardiovaskulären Indikationsbereich hinweg. Auch übergewichtige Jugendliche (85. bis 94. Perzentil) besitzen ein mehr als ein doppelt so hohes KHK-Versterberisiko. Selbst nach Einschluss aller anderen Todesursachen wie z.B. Unfälle, geht mit Übergewicht und Adipositas im späten Jugendalter eine signifikante 30%ige bzw. 68%ige Risikozunahme einher. Signifikante Risikoerhöhungen über alle Outcomes (sowohl die kardiovaskuläre Mortalität, als auch die Gesamtmortalität) hinweg, zeigen sich z.T. bereits ab dem 50. spätestens jedoch ab dem 75. Perzentil, wonach die gängige Klassifikation des Normalgewichtes innerhalb des 5. und 84. Perzentils (BMI zwischen 18 - ) dringend hinterfragt werden muss. Ferner bleibt unklar welche Bedeutung Risikofaktoren wie dem Rauchverhalten oder der körperlichen Fitness beigemessen werden müssen. Ebenso finden der BMI im Erwachsenenalter und dessen ggf. mediierende Funktion keine Berücksichtigung, was die korrelative Kernaussage des Artikels jedoch keineswegs schmälert.
Auch ergänzen die Daten die Ergebnisse von Baker et al. [1]. Diese konnten bei Kindern zwischen 7 und 13 Jahren zeigen, dass mit zunehmendem Alter der Effekt eines zu hohen BMIs an Gewicht hinsichtlich der kardiovaskulären  Sterbewahrscheinlichkeit im Erwachsenenalter gewinnt.

Fazit

Beachtet man die bereits angeführte enorme Prävalenz von Übergewicht und Adipositas, wird schnell deutlich, welch enormer Handlungsbedarf in diesem Feld existiert. Zumal aus den vorgestellten Ergebnissen nicht hervorgeht, wie sich die Risiken im höheren Erwachsenenalter äußern sowie wie hoch das Risiko wäre, wenn auch die nicht-tödlichen Fälle der kardiovaskulären Erkrankungen Berücksichtigung fänden.

Literatur

  1. Baker JL, Olsen LW, Sørensen TI. Childhood body-mass index and the risk of coronary heart disease in adulthood. New England journal of medicine 2007;357:2329-2337
  2. Ogden, C. L., Carroll, M. D., Kit, B. K., & Flegal, K. M. (2014). Prevalence of childhood and adult obesity in the United States, 2011-2012. Jama, 311(8), 806-814.
  3. Twig G, Yaniv G, Levine H, et al. Body-Mass Index in 2.3 Million Adolescents and Cardiovascular Death in Adulthood. New England Journal of Medicine 2016
Maximilian Köppel

Maximilian Köppel

Wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Gerhard Huber im Arbeitsbereich „Prävention und Rehabilitation“ am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg Wissenschaftliche Hilfskraft bei Dr. Joachim Wiskemann im Arbeitsbereich „Onkologische Sport- und Bewegungstherapie“ am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg

Wissenschaftliche Interessen

  • Trainingssteuerung
  • Wirkmechanismen körperlicher Aktivität
  • Rehabilitation
  • Biomechanik
  • Wissenschaftliche Methoden und Statistik
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Gelesen 11612 mal Letzte Änderung am Dienstag, 26 April 2016 11:42

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