Zusammenhang von BMI und Sterblichkeit – personalisierte Meta-Analyse über zehn Millionen Menschen

Hintergrund

Entsprechend der Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation von 1,3 bzw. 0,6 Milliarden Fällen und deren Assoziation mit erhöhter Morbidität und Mortalität, gehören Übergewicht und Adipositas zu den wichtigsten Gesundheitsproblemen weltweit [1]. Dennoch existiert eine weitreichende Unsicherheit über die Generalisierbarkeit  der genannten Zusammenhänge, insbesondere über verschiedene Länder oder gar Kontinente hinweg. In der Fachzeitschrift The Lancet ist kürzlich eine MetaAnalyse der Global BMI Mortality Collaboration erschienen [2]. Hierzu haben sich über 500 Forscher aus 32 Ländern und 4 Kontinenten zusammengeschlossen, um in gemeinsamer Arbeit die Daten aus 239 prospektiven, zwischen 1970 und 2015 publizierten großen Kohortenstudien metaanalytisch zu untersuchen. Zentral war hierbei eine differenzierte Abbildung des Zusammenhanges zwischen BMI und Mortalität.

Wider dem Informationsverlust

Hierfür wurden, im Gegensatz zu konventionellen Meta-Analysen im Rahmen derer nur die Populationsschätzer, z. B. Odds-Ratios, als Datenpunkte gewählt werden, die einzelnen Personendaten all dieser großangelegten Beobachtungsstudien in die Analyse eingeschlossen. Dies führte nach Ausschluss bestimmter Personengruppen (stark pathologischer BMI (<15 kg/m2 und >60kg/m2), innerhalb der ersten 5 Beobachtungsjahre Verstorbene, Personen im Alter von unter 20 Jahren und über 90) zu einer Gesamtstichprobe von n= 10,6 Millionen. Für die Primäranalyse wurden, um Verzerrungen zu minimieren, alle Raucher, sowie jene Personen ausgeschlossen, die bereits an einer chronischen Erkrankung litten. Dies führte zu einer finalen Stichprobe von knapp 4 Millionen Probanden, für welche, in 9 BMI Gruppen eingeteilt (Tab. 1), die Versterberisiken (Hazard-Ratios (HR)) berechnet wurden. Als Referenzgruppe dienten hierbei jene Probanden mit einem BMI zwischen 22,5 und 25,0 kg/m2.

Normalgewicht bewährt sich

Die Primäranalyse zeigte, dass jene, durch die WHO als „normalgewichtig“ eingestuften Personen (BMI: 20 – 25kg/m2) zu allen anderen Gruppen über die vier Kontinente konsistent eine signifikant reduzierte Sterblichkeit besitzen. Erst wenn der BMI außerhalb dieses Bereiches lag, also der Definition nach Unter- bzw. Überge-wicht und Adipositas entsprach, nahm dieses Risiko überproportional zu (Tab. 1).

Tabelle 1. Zusammenhang von BMI und All-cause mortality in der Gesamtstichprobe n≈ 4 Millionen (nach [2])

BMI in kg/m2

15 - <18,5 18,5 - <20,0 20 - <22,5 22,5 -<25,0 25,0 - <27,5 27,5 - <30,0 30,0 - <35,0 35,0 - <40,0 40,0 - <60,0

Probanden

114 091 230 749 838 907 1 075 894 821 303 428 800 330 840 80 827 30 044

Todesfälle

12 726 20 989 72 701 98 833 84 952 45 341 37 318 9 179 3 840

HR (95%-KI)

1,51 (1,43-1,59) 1,13 (1,09-1,17 1,00 (0,98-1,02) 1,00 (0,99-1,01) 1,07 (1,07-1,08) 1,20 (1,18-1,22) 1,45 (1,41-1,48) 1,94 (1,87-2,01) 2,76 (2,60-2,92)

Auch die krankheitsspezifische Subgruppenanalyse zeigte sowohl für die Sterblichkeit durch eine koronare Herzerkrankung, einen Schlaganfall, eine Atemwegserkrankung und Krebs einen qualitativ kongruenten, parabelförmigen Zusammenhang, wie er bereits bei der All-Cause-Mortality zu beobachten war (Abb.1).

Abb. 1. Zusammenhang von All-Cause-Mortality und BMI aus [2]Abb. 1. Zusammenhang von All-Cause-Mortality und BMI aus [2]

Auch in der geschlechterspezifischen Analyse konnten die bereits gefundenen Ergebnisse bestätigt werden, wobei Männer über eine deutlich stärkere Zunahme des Versterberisikos in Abhängigkeit des BMIs verfügen, als die weiblichen Probandinnen. Dies äußert sich beispielsweise in einer etwa doppelten Risikozunahme bei Grad 1 Adipositas, (HR♂ = 1,70 bzw. HR♀ = 1,37).
Wenngleich bis hier alle Ergebnisse exakt zusammenpassen zeigen sich winzige Anomalien lediglich hinsichtlich des Zusammenhanges von Alter und BMI. So ist über die drei analysierten Altersgruppen (35-49, 50-69 und 70-89) zwar ebenfalls ein parabelförmiger Zusammenhang zu erkennen, dieser verschiebt sich allerdings von einem Tiefpunkt bei 22kg/m2 in der jüngsten der 3 Gruppen auf 24kg/m2 in der ältesten Gruppe leicht nach rechts. Zudem zeigt sich in der jüngsten Gruppe mit einem mittleren Risikoanstieg von 52% pro 5kg/m2 ein deutlich steilerer Verlauf als in der ältesten Gruppe, in welcher der Anstieg pro 5 kg/m2 lediglich 21% beträgt und zur letzten BMI-Gruppe (40 – <60kg/m2) hin sogar abzuflachen beginnt.

Das Adipositas-Paradoxon

Auch das Ergebnis der Metaanalyse von Flegal und Kollegen [3], in welcher der leicht übergewichtigen Berufsgruppe das geringste Mortalitätsrisiko zuerkannt wurde, was als „Adipositas-Paradoxon“ bekannt wurde, konnte in der vorliegenden Arbeit nachvollzogen werden. Konkret handelte es sich hierbei um die Ergebnisse einer undifferenzierten Analyse aller 10 Millionen Datensätze ohne den Ausschluss von bereits chronisch Kranken, Rauchern und jenen Personen, welche innerhalb der kommenden 5 Jahre versterben. Eine sukzessive Exklusion der Teil-nehmer entsprechend der genannten Ausschlusskriterien zeigt, dass sich das Paradoxon erst dann auflöst, wenn jene Personen ausgeschlossen werden, welche innerhalb der kommenden 5 Jahre versterben. Demzufolge könnte das Adipositas-Paradoxon auf eine systematische Verzerrung durch bereits kranke Personen mit krankheitsbedingtem Gewichtsverlust zurückzuführen sein.

Fazit

Insgesamt schlussfolgern die Autoren, dass entsprechend der Daten etwa jeder siebte vorzeitige Todesfall in Europa und sogar jeder fünfte in Nordamerika verhindert werden könnte, wenn alle Personen innerhalb des von der WHO definierten Normalgewichtes (BMI= 20 – 25 kg/m2) lägen. Auch zeigen die Ergebnisse, dass neben Übergewicht und Adipositas Untergewicht ein mit Adipositas Grad 1 bis 2 vergleichbares Gesundheitsproblem darstellt und keineswegs verharmlost werden sollte. Kritisch bemängeln die Autoren, dass die Diagnostik der Adipositas lediglich über den BMI verlief. Dennoch liegt mit dieser personalisierten Meta-Analyse von 10 Millionen Personendaten eine epidemiologisch außergewöhnliche Präzision vor.

Literatur:
[1] Organization WH. Obesity and overweight. Fact sheet N 311. WHO Media Centre Geneva, Switzerland 2013
[2] The Global BMI Mortality Collaboration. Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents. The Lancet 2016
[3] Flegal KM, Kit BK, Orpana H, Graubard BI. Association of all-cause mortality with overweight and obesity using standard body mass index categories: a systematic review and metaanalysis. Jama 2013;309:71-82

Maximilian Köppel
Wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Gerhard Huber im Arbeitsbereich „Prävention und Rehabilitation“ am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg

Wissenschaftliche Hilfskraft bei Dr. Joachim Wiskemann im Arbeitsbereich „Onkologische Sport- und Bewegungstherapie“ am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg

Wissenschaftliche Interessen

  • Trainingssteuerung
  • Wirkmechanismen körperlicher Aktivität
  • Rehabilitation
  • Biomechanik
  • Wissenschaftliche Methoden und Statistik

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Gelesen 5899 mal Letzte Änderung am Dienstag, 02 August 2016 17:29

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