Nahrungsergänzungsmittel und leistungssteigernde Substanzen im Fitnesssport

von Matthias Dreher

Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Nahrungsergänzungsmittel sind „spezifische Lebensmittel bzw. Kombinationen bestimmter, isolierter, aufbereiteter sowie hochkonzentrierter Mikro- und / oder Makronährstoffe, die in wissenschaftlich festgelegtem Mischungsverhältnis zueinander stehen und speziell nach gezielten Kriterien zusammengesetzt sind, um besondere Ernährungsanforderungen zu erfüllen“, definiert. (Diedrich, 2002, S.15). Die Präparate können in Form von z. B. Kapseln, Pastillen, Tabletten, Pillen und anderen ähnlichen Darreichungsformen, Pulverbeuteln, Flüssigampullen, Flaschen mit Tropfeinsätzen und ähnlichen Darreichungsformen von Flüssigkeiten und Pulvern zur Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen eingenommen werden und somit nahezu jede Art, Form und Konsistenz einnehmen (BVL, 2017). Dazu gehören unter anderen Vitamine, Mineralien, Aminosäuren und viele weitere Produktarten (National Institute of Health, 2013).  
Nahrungsergänzungsmittel sind kommerziell und ohne Rezept erwerblich und werden zusätzlich zur normalen Ernährung eingenommen. Die Werbeversprechen sind jedoch immer die gleichen und zielen grundsätzlich auf die Verbesserung des Gesundheitsstatutes, der Steigerung der kognitiven und körperlichen Leistungsfähigkeit, eine höhere Energieaufnahme, Gewichtsverlust und weitere gern gehörte Effekte ab (Knapik et. al. 2015).

Warum nimmt man Sie…

Grundsätzlich kann man jedoch zwischen drei Konsumgründen differenziert werden. Zum einen der „General Purpose“, also die Substitution und somit der Ausgleich einer Nährstoffunterversorgung. Zum anderen das Ersetzen von Mahlzeiten (Meal Replacement). Den für den Sport bedeutendsten Grund stellen jedoch die Performance Supplements dar, welche zusätzlich eingenommen werden, um eine mögliche Leistungssteigerung zu erreichen (DiPasquale, 1995).
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst rasant. Während in den USA im Jahr 1994 geschätzt ca. 4000 verschiedene Nahrungsergänzungsmittel erwerblich waren, stieg die Anzahl bis 2012 auf ungefähr 55000 (Cohen, 2012, S. 389). Im gleichen Zeitraum stieg der Umsatz von 4 Mrd. US Dollar in 1994 (Saldanha, 207, S.52) auf 33 Mrd. US Dollar in 2012 an (Infografic, 2013). In Deutschland liegt der Umsatz bei ca. 1,1 Mrd. Euro und einer Wachstumsrate von 11,8% im Jahr 2015 (Pharmazeutische Zeitung, 2016).

Prävalenz

In Deutschland konsumieren 30,9% der Männer und 24,2% der Frauen Nahrungsergänzungsmittel wobei im Alter von 35-50 Jahren am häufigsten konsumiert wird (NVS, 2008).
Betrachtet man nun explizit die sportlich Aktiven, steigt die Einnahmehäufigkeit deutlich an. Dementsprechend sind die 23000 nahrungsergänzungsmittelbedingten Notfälle je Jahr in den Notaufnahmen in den US-Krankenhäuser im Zeitraum von 2004-2013 als sehr relevant anzusehen (Geller et al. 2015, S.1537).
Nach Striegel et al. (2006) nehmen 64,4% der 598 Teilnehmer (Durchschnittsalter 54,1 Jahre) an der Ü-35 Leichtathletikweltmeisterschaft von 2004 Nahrungsergänzungsmittel, wovon 39,4% diese regelmäßig zuführen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bereist bei den unter 18-jährigen ab. In diesem Alter (mittleres Alter 16,5 Jahre) scheinen bereits 53% der deutschen Nachwuchsleistungssportler täglich Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen (Braun et. al, 2009).
Die Substanzen die dabei konsumiert werden sind vielfältig und variieren je nach Sportart deutlich.

Tabelle 1. Übersicht über aktuelle Studien zu Supplements

Winters et. al,
2008,

Muskelaufbau
Fitnessstudio
Stamm et. al,
2011,
NEM
Leistungs-
orientierte Freizeitsportler
Diehl, et. al.
2012,

NEM
Olympioniken
Dietz et. Al.,
2014,

NEM
Nachwuchs-
leistungssportler
Striegel et. al.
2006,

NEM
Leichtathletik
Braun, et. al.
2009,

NEM
Nachwuchs-
leistungssportler

Kreatin (39,3%)

Riegel (71,3%),

Energy Drinks (58,8%)

Mineralien (35,4%)

Mineralien (29,9%)

Vitamine (76%)

Aminosäuren-
präparate (37,9%)

Magnesium (61,1%)

Dextrose (58,1%)

Proteinen (11,4%)

Proteinen (10,6%)

Sportgetränke (69%)

L-Carnitin (37,2%)

Sportgels (59,3%)

Vitamin C (52,4%)

Kohlenhydrate (10,8%)

Kohlenhydraten (8,8%)

Kohlenhydrate (64 %)

Taurin (24,8%)

Multivitamin (49,3%)

Calcium (43,3%)

Kreatin (3,5%)

Kreatin (6,5%)

30%

Protein,

Aminosäurepräparate

Glutamin (21,4%)

Calcium (32,3%)

Eisen (42,4%)

Ω-3-Fettsäuren (1,9%)

Ω-3-Fettsäuren (3,6%)

„Leistungssteigernde Substanzen“

Koffein,

 Kreatin, Carnitin

24%

Guarana (20,7%)

Eiweiß (28,4%)

Multivitamin (34,9%)

andere Stoffe (1,5%)

Kräuter (2,6%)

Fettsäuren (6%)

BCAA (17,2%)

Eisen (27%)

Proteine (35,5%)

 

andere Stoffe (2,7%)

„andere“ NEM (27%)

Tribulur terrestris (17,2%)

Zink (23,3)

Zink (33,85%)

 

 

 

CLA (6,2%)

Kreatin (90,1%)

Vitamin E (32,1%)

 

 

 

HMB (3,4%)

Cholin (4,3%)

Kohlenhydrate (24,7%)

 

 

 

HCA (1,4%)

Fettmischung (1,8%)

Kreatin (11,1%)

 

 

 

Wie man der Tabelle 1 entnehmen kann entfällt der größte Anteil der konsumierten Nahrungsergänzungsmittel auf Vitamine und Mineralien, jedoch kann ebenfalls die überdosierte Einnahme dieser Antioxidantien wie Beta-Karotin oder Vitamin E zu einer erhöhten Mortalität führen (Bjelakovic et. al. 2007, Bjelakovic et. al. 2012), während Vitamin D eine Risikosenkung mit sich bringt (Bjelakovic et. al. 2011).
Legt man den Fokus auf die Einnahme von illegalen Substanzen im Fitnesssport wie z.B. anabole Steroide liegt die Prävalenz bei 13,5% (Striegel et. al. 2006, S.13). bzw. 12,5% (Simon et. al. 2006) bei Anwendung der Randomized Response Technik (RRT). Durch diese Technik können sensible Antworten sehr gut erfasst und gedeutet werden (Ulrich et. al, 2012).

Motive für den Sport und den Konsum

Die Motive für die sportliche Aktivität und für den Konsum von Nahrungsergänzungsmittel sind dabei sehr unterschiedlich und werden durch die Geschlechterdifferenzierung und den „intrinsischen“ und „extrinsischen“ Gründe geprägt (Kilpatrick et. al, 2005, S.90-91; Koivula, 1999; Lehnert et. al. 2011). In der nationalen und internationalen Literatur wird im Allgemeinen zwischen den Motiven „Zugehörigkeit“, „Aussehen“, „Herausforderung“, „Wettbewerb“, „Vergnügen“, „Gesundheitliche Gründe“, „Vermeidung von Erkrankungen“, „Gewandheit“, „Gesundheitsförderung“, „Revitalisierung“, „Anerkennung“, „Kraft und Ausdauer“, Stressmanagement“ und „Gewichtskontrolle“ unterschieden.
Auch die Gründe für den Konsum von Nahrungsergänzungsmittel, wie z.B. „Ausgleich inadäquater Ernährung“, „Kompensation der Trainingsanforderungen an den Körper“, „Leistungssteigerung“, „Empfehlung“, „Mithalten können“ und schnellere Regeneration“ sind ebenfalls heterogen und von internen und externen Faktoren geprägt (Maughan, R. et. al, 2004, S.96, Diehl et. al., 2012).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Nahrungsergänzungsmittel immer beliebter und somit immer relevanter für den „Gesundheits- und Sportbereich“ werden. Die Nahrungsergänzungsmittel werden immer spezifischer auf die jeweiligen Trainingsmotive und Konsummotive abgestimmt. Daher wird es immer wichtiger sich mit den potentiellen Wirkungen und Nebenwirkungen auseinander zu setzen und Plattformen wie die „Kölner Liste“ zu benutzten, um sich über die Sicherheit der Nahrungsergänzungsmittel zu informieren.

Literaturverzeichnis

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Winters, J., Nettekoven, S., Ritter, G., und Hahn, A., (2008). „Muskelaufbaupräparate“ aus Konsumentensicht - Ergebnisse einer Verbraucherbefragung in Nordrhein-Westfalen, Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, 3, 380-384.

Korrespondenzadresse:

Matthias Dreher
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Abteilung Sportmedizin, Rehabilitation und Prävention
Johann-Joachim Becher Weg 31
55099 Mainz
Tel: +49 (0) 6131 3924563
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Gelesen 5284 mal Letzte Änderung am Dienstag, 14 Februar 2017 17:54

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