2026 | 05 Psychiatrie und Psychosomatik

Inhalte
- Wissenschaft
- Praxis
- Editorial
Wissenschaft
Sport- und Bewegungstherapie bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) über die Lebensspanne: neue Evidenz und Leitlinienempfehlungen – Stefan Peters, Leonhard Marten, Natalia Nasarre-Nacenta, Aylin Mehren, Katja Kauczor-Rieck, Oliver Hennig, Alexandra Philipsen
Klinisch sinnvolle Leistungsverbesserungen bei LVAD-Patient*innen: Welche Rolle spielt die Dauer der Rehabilitation? – Benita Muche, Norina Eisenblätter, Dirk Büsch
Praxis
Individuelle Tele-Therapie (ITT) der DGUV – digitale Rehabilitation – Rene Streber
Sporttherapie in der PPP-RL des G-BA – ein etabliertes Tätigkeitsfeld mit Entwicklungspotenzial – Rene Streber
Bewegungstherapie in der Psychokardiologie – Judit Kleinschmidt, Volker Köllner
Klinische Sport- und Bewegungstherapie im Rückblick: „Am Anfang war es sicher nicht leicht …“ – Gerhard Huber
Editorial
Sport- und Bewegungstherapie bei ADHS: ein Gamechanger!?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu den häufigsten psychischen beziehungsweise neuroentwicklungsbedingten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Zudem ist laut Kinder- und Jugendreport 2026 der DAK-Gesundheit die Zahl der erstmals dokumentierten ADHS-Diagnosen bei den 3- bis 17-jährigen DAK-Versicherten zuletzt deutlich gestiegen (von 2023 bis 2024 um 16 Prozent). Zugleich wissen wir heute, dass ADHS keineswegs mit dem Übergang ins Erwachsenenalter endet. Auch viele Erwachsene leben mit Aufmerksamkeitsproblemen, Impulsivität, innerer Unruhe und Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation – häufig verbunden mit erheblichen Beeinträchtigungen in Ausbildung, Beruf und sozialen Beziehungen. Darüber hinaus treten bei Menschen mit ADHS häufig psychische und somatische Begleiterkrankungen auf, darunter Depressionen, substanzbezogene Störungen und Adipositas.
Der hohen Prävalenz sowie den erheblichen individuellen und gesellschaftlichen Belastungen steht in Deutschland eine Versorgungssituation gegenüber, die in vielerlei Hinsicht unzureichend ist. Betroffene müssen häufig lange auf eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung warten. Regionale Unterschiede und fehlende spezialisierte Angebote verschärfen die Versorgungslücken. Auch beim Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenversorgung ist die Kontinuität der Behandlung oftmals nicht gewährleistet. Medikamentöse und psychotherapeutische Interventionen bilden wichtige Säulen der Behandlung; die vorhandenen Versorgungsstrukturen können den Bedarf jedoch nicht ausreichend decken. Insbesondere in multiprofessionellen teil- und vollstationären Behandlungskonzepten spielt eine verhaltensorientierte Sport- und Bewegungstherapie bereits eine wichtige Rolle für die Verbesserung der Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Konzentrationssteigerung. Diese Ziele erreicht sie durch methodisch an die Zielgruppe angepasste Inhalte, die u.a. ein breites Spektrum an Bewegungsformen umfassen, wie auch Entspannungsübungen, Techniken der Verhaltensänderung und therapeutische Gesprächsführung.
In der Versorgungspraxis haben sich sport-/bewegungstherapeutische Konzepte bei ADHS vielfach bewährt und wurden auch über die Jahre hinweg beforscht. Dies gilt auch für spezielle Interventionen wie die tiergestützte Therapie.
Aktuelle Metaanalysen zu den Wirkungen von körperlicher Aktiviät und körperlichem Training auf die Kernsymptomatik der ADHS und die exekutiven Funktionen stellen nun wichtige Meilensteine dar, weshalb Sport-/Bewegungstherapie in dem Update der in Deutschland geltenden S3-Leitlinie zu ADHS gestärkt wird. Positive Effekte finden sich dabei nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern zunehmend auch bei Erwachsenen.
Bedeutsam sind darüber hinaus die erwünschten „Nebenwirkungen“: Sport- und Bewegungstherapie kann Ressourcen wie Selbstwertgefühl, Kompetenzerleben, Bewegungsfreude und soziale Unterstützung stärken. Gleichzeitig kann sie depressive Symptome lindern, zur Prävention und Behandlung von Übergewicht und Adipositas beitragen und sich auch auf weitere Bereiche der psychischen und körperlichen Gesundheit positiv auswirken.
Mit der aktualisierten S3-Leitlinie zur ADHS ist nun ein wichtiger Schritt getan: Erstmals enthält sie ein eigenes Kapitel zur Sport- und Bewegungstherapie und empfiehlt, entsprechende Interventionen im Rahmen multimodaler Behandlungskonzepte sowohl Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen anzubieten. Entscheidend wird nun sein, diese Empfehlungen in tragfähige Versorgungsangebote zu übersetzen und zugleich die Evidenzbasis weiter auszubauen. Sport- und Bewegungstherapie sollte Teil einer umfassenden und bedarfsgerechten ADHS-Versorgung werden. Mit Bewegung und Sport stehen den Betroffenen Coping Strategien zur Verfügung, die sie unabhängig von Versorgungsengpässen lebenslang einsetzen können. Im Sinne des Empowerments erscheint auch dies von großer Bedeutung.
Stefan Peters & Katharina Alexandridis