Inhalt

B&G, 03/2015

3. Editorial

 Wissenschaft

106 Die Rolle der körperlichen Aktivität beim Metabolischen Syndrom, C. Graf
109 Selbstgesteuertes Krafttraining bei Grundschulkindern und dessen Effekt auf funktionelles Körperwissen, N. Nitzsche, T. Lange, M. Klein, M. Fröhlich

 

 

 

Praxis

117. Rahmenbedingungen individualisierter stationärer Bewegungsförderung in der kinderonkologischen Akutversorgung, M. Götte, S. Kesting, S. Taraks, J. Boos

81. Indikationskatalog

124 Adipositas
127 Hypertonie

Recht

130 Pflege von Angehörigen, M. Beden

Forum

123 Veranstaltungskalender
132 Sportwissenschaft
133 Kongressberichte
135 Referate
137 Forum der Industrie

95. DVGS - News

Editorial

Gerhard HuberWarum wir noch lauter werden müssen:

Körperliche Aktivität ist die einzig wirkliche „Polypille“!

Körperliche Inaktivität ist für mehr Tote verantwortlich als Rauchen, Diabetes und Adipositas zusammen. Die zugehörigen Zahlen stammen aus dem Jahr 2009 und aus den USA. Stephen Blair nannte deshalb die körperliche Inaktivität das „größte Gesundheitsproblem des 21. Jahrhunderts“ [1]. Es ist davon auszugehen, dass sich inzwischen daran nichts verbessert hat und dass wir in Deutschland vergleichbare Befunde haben. Die Beweis führung wird durch die sträfliche Vernachlässigung der körperlichen Aktivität in unserer Gesundheitsbericht­ erstattung erschwert. Überhaupt zeigt sich eine erhebliche Ignoranz der Entscheider im Gesundheitssystem  gegenüber dieser Thematik. Was dagegen nicht fehlt, sind blumige Appelle oder vollmundige Ankündigungen in Festreden. Der echte Wille, körperliche Aktivität nachhaltig und effektiv in die medizinischen Versorgungs­ strukturen zu integrieren und damit die unbestreitbaren Potenziale der körperlichen Aktivität im Gesundheits system zu nutzen, ist aber nicht mal ansatzweise zu erkennen. Dabei wird die Evidenzlage immer dringlicher und  eindeutiger, die Diskrepanz zwischen dem was wir sicher wissen und dem, was wir tun, wird immer größer.

Als Beispiel nur eine kleine Literaturausbeute der letzten 2 Tage:  

  • Eine Kohortenstudie aus Norwegen belegt eine deutlich höhere Lebenserwartung für Männer, die körperlich aktiv sind [2].  
  • Eine einfache Messung der Handkraft genügt als „powerful predictor of future disability, morbidity, and mortality“ [3]. Dies findet sich nicht in einem „Bodybuilderblättchen“, sondern im Lancet, dem wissenschaft­ lichen Flaggschiff der Medizin.  
  • Körperliche Inaktivität, insbesondere der sitzende Lebensstil, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für depressive Erkrankungen [4].

Aber im Zuge einer immer stärkeren Ökonomisierung, Technologisierung, Medikalisierung und Intransparenz der medizinischen Versorgung scheint körperliche Aktivität nach wie vor keine große Rolle zu spielen. Dabei sollte klar sein: Das häufig benutzte Etikett der „evidenzbasierten Medizin“ ist auch immer dann falsch, wenn eine Intervention wie die Förderung der körperlichen Aktivität nicht genutzt wird, obwohl die Wirksamkeit nach gewiesen ist. So ist z. B. die Behandlung eines Diabetikers Typ II nicht evidenzbasiert, wenn Bewegung nicht angemessen genutzt wird!

Wir als Bewegungstherapeuten müssen noch intensiver als Lobby für einen Wandel sorgen und als Anwälte für die Rolle der körperlichen Aktivität innerhalb der Gesundheitsversorgung eintreten. Dies ist grundsätzlich nicht einfach. Noch schwieriger ist es in einem komplexen Gesundheitssystem wie dem unseren, in dem die wichtigen Entscheidungsbefugnisse, Rollen und Pfründe seit Jahren fest vergeben sind. Wir sollten trotzdem beständig versuchen, der körperlichen Aktivität als der einzigen wirklichen „Polypille“ zu mehr Akzeptanz zu verhelfen.

Es lohnt sich!

Editorials haben eigentlich keine Literaturangaben, aus gegebenem Anlass machen wir eine Ausnahme:

Literatur
Blair SN. Physical inactivity: the biggest public health problem of the 21st century. Br J Sports Med 2009; 43: 1–2
2 Berge E. Increased life expectancy for physically active Norwegians. Br J Sports Med. 2015; 49 (11): 702
3  Sayer AA, Kirkwood TB. Grip strength and mortality: a biomarker of ageing? The Lancet 2015. DOI:
http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)62349-7
4  Zhai L, Zhang Y, Zhang D. Sedentary behaviour and the risk of depression: a meta-analysis. Br J Sports
Med 2015; 49: 705–709

Ihr Gerhard Huber