Wege aus der Angst. Laufen hilft, Push-ups auch?

Bewegung tut der Psyche gut, das ist mittlerweile weithin bekannt und auch nachgewiesen [4]. Wie relevant das ist, muss man heute auch kaum noch jemandem erzählen, wo doch die Medien wöchentlich herausstellen, wie es z. B. um die psychische Gesundheit deutscher ArbeitnehmerInnen bestellt ist.

Während chronischer Stress, Burnout und Depressionen unter großer medialer Daueraufmerksamkeit stehen, sind die weit verbreiteten Angststörungen etwas weniger präsent, auch wenn die aktuelle Ausgabe des Stern sich der Thematik angenommen hat. Eine große Untersuchung des Forscherteams um den Dresdner Professor Hans-Ulrich Wittchen förderte zutage, dass innerhalb eines Jahres ca. 60 Millionen EuropäerInnen an Angststörungen leiden [7]. Zumeist wird in der Therapie eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten eingesetzt.

In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2008 zeigte sich, dass körperliches Training bei Angst und Ängstlichkeit genauso wirksam wie Psychotherapie und fast so wirksam wie Medikamente war [6]. Fast alle Studien konzentrierten sich dabei ausschließlich auf aerobes Ausdauertraining. Seit jeher wird dem Ausdauertraining bei der Förderung der psychischen Gesundheit am meisten Aufmerksamkeit gewidmet. Jüngstes Beispiel aus Deutschland ist die sehr aktuelle S3 Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (Stand: 15.4.2014), in der „Sport (Ausdauertraining)" als ergänzende Maßnahme empfohlen wird [1]. Auch bei der „Modediagnose" Burnout wird in der Übersichtsarbeit des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) „moderates Ausdauertraining im aeroben Bereich" aufgeführt [2].

Was ist aber eigentlich mit dem Krafttraining? Über dessen Effekte auf die psychische Gesundheit wurde bereits 2010 eine Übersicht veröffentlicht, die auch mögliche Effekte bei Angst-Symptomen bei „gesunden Erwachsenen" mit aufführt [3]. Grund genug, genauer hinzusehen!

Amerikanische Forscher haben sich nun in einer brandaktuellen Kurzübersicht in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology" der Effekte von Krafttraining speziell auf Angst und Angststörungen angenommen [5]. Ihr Fazit fällt vorsichtig, aber sehr positiv aus: Sowohl einzelne Einheiten, als auch ein langfristig regelmäßiges Krafttraining haben das Potenzial, Angst zu reduzieren, und dies gilt über verschiedene Altersgruppen hinweg. Auch bei klinischen Gruppen gibt es Effekte bzw. positive Trends. Bei SchlaganfallpatientInnen (12 Wochen, jeweils 3 Einheiten) führte Krafttraining zu einer statistisch signifikanten Angstreduktion. Bei Personen mit Brustkrebs (17 Woche, jeweils 3 Einheiten) bzw. Fibromyalgie (8 Wochen, jeweils 3 Einheiten) zeigten sich keine signifikanten Wirkungen, aber ein positiver Trend zugunsten von Krafttraining. Bei Personen mit generalisierter Angststörung (6 Wochen, jeweils 2 Einheiten) zeigte sich eine ausgeprägte Wirkung erst durch die Verbindung von Ausdauertraining und Kraft. Die Intensität des Trainings spielt offenbar eine entscheidende Rolle. Über Untersuchungen zu einzelnen Krafttrainingseinheiten und wochenlang durchgeführten hinweg deutet sich an, dass besonders leichte bis moderate Intensität (< 70% des 1RM) eine angstsenkende Wirkung hat.

Der weitere Forschungsbedarf, um deutliche Aussagen zu bestimmten (klinischen) Zielgruppen machen zu können, und klare Dosis-Wirkungsbeziehungen ableiten zu können, ist immens. Dennoch existiert mit dem Krafttraining eine weitere Interventionsoption zur Angstreduktion zum Einsatz in der Bewegungstherapie. Dies erleichtert es KursleiterInnen und TherapeutInnen, auf die individuellen Bedürfnisse der KlientInnen und PatientInnen einzugehen. Die Wahl moderater Intensität scheint sich dabei eher auszuzahlen.

  1. Bandelow, B., Wiltink, J., Alpers, G.W. et al. (2014). Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (Stand: 15.04.2014). Online verfügbar: https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/S3-LL_Lang_Angstst%C3%B6rungen_2014.pdf
  2. Korczak, D., Wastian, M. & Schneider, M. (2012). Therapie des Burnout-Syndroms. HTA-Bericht 120. Köln: DIMDI. Online verfügbar: http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta332_bericht_de.pdf
  3. O'Connor, P.J., Herring, M.P. & Caravalho, A. (2010). Mental health benefits of strength training in adults. American Journal of Lifestyle Medicine, 4, 377-396.
  4. Schulz, K.-H., Meyer, A. & Langguth, N. (2012). Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit. Bundesgesundheitsbl, 55, 55-65.
  5. Strickland, J.C. & Smith, M.A. (2014). The anxiolytic effects of resistance exercise. Frontiers in psychology, 5:753. Online verfügbar: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4090891/
  6. Wipfli, B.M., Rethorst, C.D. & Landers, D.M. (2008). The anxiolytic effects of exercise: A meta-analysis of randomized trials and dose-response analysis. Journal of Sport & Exercise Psychology, 30, 392-410.
  7. Wittchen, H.U., Jacobi, F., Rehm, J. et al. (2011). The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. European Neuropsychopharmacology, 21, 655-679.
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